Lehre und akademische Vielfalt – Stand der Dinge

Die stromlinienförmige Modernisierung deutscher Hochschulen erinnert an die Entwicklung der industriellen Produktion mit ihren verheerenden Folgen für Umwelt und Artenvielfalt. Die Reduktion der „akademischen Artenvielfalt“ findet ihren Niederschlag in der zunehmenden Kommerzialisierung und Rationalisierung von Studiengängen und Lehrangeboten an den Universitäten. Damit geht der Anspruch einher, die Effektivität von Lehre und Forschung durch ihre Anpassung an den Bedarf des Marktes und der Vertreter des politischen Status quo zu erhöhen. Im Zuge der Umstrukturierung von Lehre und Forschung im Hinblick auf die Erfüllung dieses Zwecks sind ganze Fachbereiche, methodologische Ansätze, Erkenntniswege und Wirkungsmöglichkeiten für ausgebildete Wissensträger dem administrativen Rotstift zum Opfer gefallen. Insbesondere hat dieser Trend die sozialwissenschaftlichen Fachbereiche erfasst, einst Orte, wo Generationen von Studierenden nicht nur für den Markt dienliches Fachwissen erworben haben, sondern auch gelernt haben, unabhängig zu denken, zu kritisieren und sich alternative Zugänge zum Wissen zu erschließen, als die Zugänge, die vom Establishment vorgeschrieben gewesen sind. Der Niedergang dieser Fachbereiche wird durch die Fülle von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Problemen angezeigt, für welche die postindustrielle Gesellschaft keine Lösungen findet.

Zu den Kämpfen um die Erhaltung der „akademischen Artenvielfalt“ an deutschen Hochschulen gehören die Privatdozenten/innen und außerplanmäßigen Professoren/innen, die meistens über 20 Jahre in ihre Qualifizierung gesteckt haben und voll ausgebildete Hochschullehrer ohne Stelle sind. Als Gruppe von Wissensträgern werden sie an den Universitäten marginalisiert und von den politischen Entscheidungsträgern ignoriert. Auch im neuen Koalitionsvertrag kommt die Verbesserung der Lehre durch ihre Einbindung in den Lehrbetrieb bzw. die Verbesserung ihrer Lage durch die angemessene Würdigung des Beitrags, den sie zur Lehre leisten könnten, leider nicht vor. Obwohl heute fast alle Parlamentarier studiert haben, ist und bleibt die Universität Stiefkind der Politik. Die spärlichen Mittel werden weiterhin auf die großen Forschungsinstitute außerhalb der Universitäten verteilt. Eine sachdienliche Beratung der Politik durch Sozialwissenschaftler mit diversifiziertem Wissen und Kritikvermögen, zu deren Ausbildung Privatdozenten/innen einen großen Beitrag leisten könnten, scheint heute nicht mehr gefragt zu sein.

Soziale Verantwortung zu tragen, heißt für Privatdozenten/innen, die Gefahr der mit diesem Trend einhergehenden Reduktion der „akademischen Artenvielfalt“ entgegenzusteuern. In 2013 konnten sie winzige Erfolge erzielen: Die festangestellte Professoren nehmen die PD zunehmend wieder wahr, weil sie verstehen, dass ihr Schicksal auf die Dauer gesehen den PD ähnelt. Sie verstehen nun, dass das neue Freiberuflertum unter Hochschuldozenten Ergebnis des Turbo-Kapitalismus ist, dass honoriert werden muß, weil heute sich kaum noch ein PD auf Eltern, Ehegatten oder Erbe ausruhen kann. Vermehrtes Ausschreiben von Gastprofessuren als Übergangslösung für ältere PD wird jetzt als eine Möglichkeit gesehen, Prüfungsabnahmen etc. werden den PD teilweise entgolten. Möge 2014 das Jahr werden, in dem den „freischaffenden Künstlerinnen“ der Durchbruch bei ihren Bemühungen um die Erhaltung der „akademischen Artenvielfalt“ an deutschen Universitäten gelingt.

Immerhin liefern die die neuen Freischaffenden an den Hochschulen nun den Stoff für Krimis und Romane: Während im Krimi des Paul Grote „Ein Riesling zum Abschied“ (München 2011) eine Dauerlehrbeauftragte namens Johanna Breitenbach zusammen mit ihren vifen Studenten Kriminalfälle löst, ist in Christoph Heins „Weißkerns Nachlaß“ (Frankfurt a M. 2011) die Figur des seit Jahren auf einer halben Stelle krepelnden Stolzenberg nur noch zynisch und unsympathisch, Ergebnis der neueren Verhältnisse an den Universitäten, die das Geld anbetet, statt gute Lehre zu honorieren.

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