Überlebenskampf der Universitäten auf Kosten der PD?

Müssen nach dem Berliner Landesgesetz PDs generell umsonst arbeiten? Ein Telefonat mit dem für Berlin zuständigen Vertreter in der Geschäftsführung des Deutschen Hochschulverbandes Rechtsanwalt Dr. Sven Hendricks ergab: nein. Wenn die PD das Soll ihrer Titellehre erfüllt haben, können sie zumindest im Zuge eines Lehrauftrags wie LAs bezahlt werden. Außerhalb Berlins mache man das auch oft so. Es sei sicher nicht hinnehmbar, dass eine Universität bestimmten PD ganze zu prüfende Gruppen in die Seminare schicke und sich dabei auf den Standpunkt stelle, die PD hätten grundsätzlich umsonst zu arbeiten. Es könne eigentlich nicht sein, dass eine Universität die Lage der PD so krude ausnütze. Ähnlich ist es mit den Entgelten von Prüfungsleistung. Hier herrscht republikweit schönstes Chaos und große Wildnis. Generell wird hierzulande auch im Fall von Prüfungen weniger gezahlt als in Österreich und in der Schweiz. Besonders in Österreich leugnet man die Existenz „freischaffender“ Überlebenskünstler nicht, gesteht ihnen immerhin in Form von Teilzeitdozenturen Summen knapp über dem Existenzminimum zu. Auch eine Solidarität, der zufolge etwa die Festangestellten auf Vortragshonorare meistens verzichten, zugunsten der Freiberufler unter den Dozenten, wie im angelsächsischen Raum eine ungeschriebene Regel, gibt es hier nicht. Überhaupt tut man hierzulande so, als gäbe es anderweitige Erwerbschancen für Privatdozenten. Leider gibt es etwas Derartiges seit etwa Mitte der 1990er Jahre nicht mehr. Damals wurde in der Berlin den großen Universitäten jeweils über ein Drittel ihres Etats genommen. Die Exzellenzinitiative bewirkte weitere Umstrukturierungen, die in jedem Falle deutlich auf Kosten der inneruniversitären Demokratie gingen. Heute gibt es für die wenigen mit festen Stellen (in Berlin haben weniger als ein Drittel der Erwerbsbevölkerung „sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten“) nur das freie Künstlertum. Die radikale Altersdiskriminierung, die den über 50-jährigen (sogar statistisch!) nur zu einem Drittel Erwerbsmöglichkeiten zugesteht, ist von den seit Mitte der 1990er Jahre privatwirtschaftlich gewendeten Unis übernommen worden. Obwohl Wissen und Unterrichtserfahrungen Dinge sind, die sich über die Jahre kumulieren und nicht etwa abnehmen..

Die Autorin verweist bei dieser Gelegenheit auf die Aufsätze vom amerikanischen Universitätsökonomen Michael Hudson u.a. im Herbst 2011 in der FAZ. Michael Hudson spricht angesichts der rabiaten Ausplünderungspolitik der Banken gegenüber ganzen Bevölkerungsgruppen und Staaten wie etwa Griechenland u.ä. von einem „Krieg der Banken gegen das Volk“. Frage: Muß man im Fall des Umgangs der Unis mit den Privatdozenten nicht analog von einer zumindest „Rücksichtlosen Ignoranz der Universitäten gegenüber ihren Nichtbestallten“ sprechen? Denn die PD gehören ja wohlgemerkt dazu, sie sind Mitglieder der Universität, wenn auch keine „Angehörigen“. Wo sind die zusätzlichen Gelder geblieben, die die Universitäten zur Verbesserung der Lehre erhielten? Man hätte diverse Gastdozenturen auf Zeit damit einrichten können. Glaubt man ernsthaft, dass man mit vermehrtem E-Learning die Situation irgendwie verbessern kann? Oder dass Tutoren ausgewachsenen Hochschullehrer auf Dauer werden ersetzen können? Und sind die heutigen Professoren und die Universitäten generell sich wirklich sicher, dass die intellektuellenfeindliche Haltung gegenüber den jetzigen PD sie nicht eines Tages einholen wird? Schon letzt versuchen viele Universitäten, ihre Emeriti und Pensionäre auf dem kalten Weg „zu entsorgen“, indem sie ihnen Räume, HP-Seiten oder Prüfungsrechte entziehen. So dass der Deutsche Hochschulverband sich genötigt sah, in einer der letzten Nummern der „Forschung & Lehre“ (wahrscheinlich in der 4/2014) festzustellen: pensionierte Professoren bleiben grundsätzlich Mitglieder ihrer jeweiligen Universität, auch wenn sie nicht mehr lehren und prüfen (dürfen / müssen). Ich hoffe, dass einer der Juristen des DHV Entsprechendes auch für die PD demnächst grundsätzlich festhält. Und die Regierungen endlich einsehen, dass eine durch Sparvorgaben geschundene und erpressbare gemachte Universität zwangsläufig nach innen verwildert, indem sich Einseitigkeiten mittelalterlich anmutende Fürstentümer herausbilden sowie Kommunikationsstrukturen einbrechen. So kann die Universität ihren hauptsächlichen Auftrag, Studierende zu motivieren durch ein breites Angebot guter Lehrveranstaltungen, kaum noch erfüllen. Die Republik verschenkt mit einem wesentlichen Erbe, nämlich dem „Humboldtschen“ auch ihr besonderes symbolisches Kapital in der Welt.

Berlin, den 20.5.2014 Elisabeth Meyer-Renschhausen (Initiative Berliner Privatdozenten)

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